Clubtheater Berlin

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Presse zu "Faust"

Faust wartet in der Sauna auf Mephisto
(Berliner Morgenpost - 14. April 2010)

von Ulrike Borowczyk

Plötzlich stehen vier Theaterleute mitten im Café Freistil und alle Welt wird Zeuge, wie Theaterdirektor und Künstler sich lauthals beschimpfen. Ein explosiver und sehr alltagsnaher Auftakt zu Goethes "Faust".

Faust

Doch bevor es richtig losgeht, pilgert die gesamte Zuschauerschar erst einmal auf Fausts Seelenpfad in die Eingeweide des alten Stadtbads Steglitz. Tief unten in der klirrenden Kälte des Maschinenhauses treffen Gott und Mephisto aufeinander und verwetten quasi in Partylaune Fausts Seele. Der alte, an seinen Studien verzweifelnde Gelehrte wartet derweil in der einstigen russisch-römischen Sauna völlig ahnungslos, auf welch perfides Spiel er sich da einlässt.

Wenn Regisseur Stefan Neugebauer einen Bühnenklassiker inszeniert, dann darf man sich getrost darauf verlassen, dass es ein ungewöhnlicher Theaterabend vor ausgefallener Kulisse wird. Stark gekürzt, zeigt sich die tiefgründige Tragödie zwischen Tauchbecken, Mosaiken und Marmorsäulen überraschend auch von ihrer rasant-intriganten und überaus unterhaltsamen Seite, wird sie doch mit leisem Witz erzählt.

Friedhelm Ptoks Faust ist kein in sich gekehrter Intellektueller, sondern ein expressiver Sinnenmensch. Ein leichtes Opfer für Mephisto, den Alexander Klages als lakonischen Geschäftsmann gibt. Nach dem unheilvollen Pakt zwischen den beiden, der dem Gelehrten alle Wünsche gewährt, verführt Faust das fromme Gretchen (Jessica Tietsche) und stürzt sie damit ins Verderben. Währenddessen lässt sich Mephisto auf überaus spaßige Weise von Frau Marthe bezirzen, denn Eckart Schönbeck karikiert als kokettes Weib Table-Dance-Posen. Freud und Leid liegen da nah beieinander. Eine gelungene tragikomische Gratwanderung.




Disput in der Unterwelt
(Neues Deutschland - 15. April 2010)

von Volkmar Draeger

Auch Faust hat einen weiten Weg hinter sich, bevor ihm Mephisto im Spiegel das Bild Gretchens vorgaukelt. So lässt Regisseur Stefan Neugebauer der Goetheschen Tragödie ersten Teil im Café Freistil starten. Der Theaterdirektor des Vorspiels lotst die Zuschauer durch die gewundene Unterwelt des Stadtbads Steglitz, wird im Maschinenraum zum Herrn, der von einem Kessel herunter mit dem bodenständigen Mephisto in Schlossermontur um Fausts Seele wettet. Um die geht es zweieinhalb Stunden in der russisch-römischen Sauna: kein Platz geeigneter für den Disput als die maurische Gewölbearchitektur.

Faust

Zwischen Säulen blickt man auf das Feinmosaik der muschelgetragenen Venus. Unterm Mosaik ist das Tauchbecken Fausts Studierstube. Ein Gitter verschließt sie zum »Mauerloch«, dem Gefängnis seiner Studien. Mit »Habe nun, ach!« beschwört er den konzentrisch beweglichen Makrokosmos und das Rundzeichen des Erdgeistes, holt die Phiole herab, die sein Leben enden soll. Mariengesang und ein Famulus verhindern das.

Beim Übersetzen stört ihn zu winselnder Geige der Pudel, der sich zum Ungeheuer auswächst und nur mit dem Kruzifix zu bändigen ist. Als Erdkreatur windet sich Mephisto herein, Pudelmütze, Overall, Aktenmappe, betört Faust mit dem Gretchen-Bildnis im Spiegel, muss vorm Fortgang das Christus symbolisierende Pentagramm der Schwelle öffnen. Als fescher Junker mit Rothemd wird es ihm leicht, Faust in den Pakt zu bringen. Alt bleibt der bei Antritt der Reise, trifft Gretchen im Gebet vor der Venus, kniet neben ihr nieder. So kommen sie zusammen, der Wissbegierige und die Sündenfreie, über die Mephisto keine Macht hat.
Gerichtet oder gerettet?

Faust und Gretchen lassen beim Umwandern einer der Säulen Seelen und Hände sich verschränken. Tod von Mutter und Kind lassen Gretchen schließlich die »Schmerzensreiche« Venus um Hilfe anflehen. Fausts Anklage tänzelt Mephisto auf dem Beckenrost weg, schnippst gelangweilt die Zigarette fort. Gretchen taumelt in Fausts einstiges Studierzimmer, nunmehr ihr Kerker. Der reuige Sünder kann ihr die laut rasselnden Ketten lösen, muss sie indes ihrem Schicksal überlassen: gerichtet oder gerettet.

In effektvoller Dreierpose endet die Adaption für vier Akteure. Geisterchöre, Osterspaziergang, Auerbachs Keller, Hexenküche oder Walpurgisnacht sind zugunsten der Liebesgeschichte gestrichen. Friedhelm Ptok als Faust mit lohendem Weißhaar fährt die Ernte eines langen Schauspielerlebens ein: präzis und schlackenfrei artikulierend, mit dem Mut zum Innehalten. Als Gretchen kann, viel jünger, Jessica Tietsche zunehmend neben ihm bestehen, als Mephisto ist ihm Alexander Klages ein wendig windiger Widerpart von Format. Eckart Schönbeck in mehreren Rollen glänzt besonders als Bein lüpfende Marthe.




Seelendrama: Faust
(zitty - 22. April 2010)

von Ulrike Borowczyk

Gretchen, zerrissen zwischen Moral und Begehren, betet zur Mutter Gottes – die ist allerdings eine dem Bade entsteigende, spärlich verhüllte Venus. Die unorthodoxe Madonna dominiert als Wandmosaik die russisch-römische Sauna im denkmalgeschützten Stadtbad Steglitz und wird in ihrer Mehrdeutigkeit Teil von Stefan Neugebauers Inszenierungskonzept. Sein Clubtheater Berlin erkundet die Räume des Stadtbads, nach der Schließung 2002 seit gut fünf Jahren mit Kultur und Gastronomie bespielt, für jede Inszenierung neu. Der faustschen Tragödie erster Teil ist zum Kammerspiel verschlankt, im Fokus: die Irrungen des alten Gelehrten, der verpasstes Leben nachholt, dem metaphysischer Überbau fehlt. Zu Beginn platzt das „ Vorspiel auf dem Theater“ ins gemütliche Café, wo das Publikum wartet. Dann führt der „Theaterdirektor“ durch düstere Kellergänge zum Maschinenraum, wo Gott und Teufel die Wette um Fausts Seele besiegeln. In der alten Sauna schließlich entsteht zwischen Säulen und Gewölbe ein intimer wie kühler Spielraum, in dem einem Fausts Schicksal zu Leibe rückt. Die Spieler zeichnen ihre Figuren solide als die Alt-Bekannten. Noch mehr Interaktion mit dem beinahe spannendsten Protagonisten – dem historischen Gemäuer – wäre reizvoll gewesen.

Faust

Faust und Gretchen lassen beim Umwandern einer der Säulen Seelen und Hände sich verschränken. Tod von Mutter und Kind lassen Gretchen schließlich die »Schmerzensreiche« Venus um Hilfe anflehen. Fausts Anklage tänzelt Mephisto auf dem Beckenrost weg, schnippst gelangweilt die Zigarette fort. Gretchen taumelt in Fausts einstiges Studierzimmer, nunmehr ihr Kerker. Der reuige Sünder kann ihr die laut rasselnden Ketten lösen, muss sie indes ihrem Schicksal überlassen: gerichtet oder gerettet.

In effektvoller Dreierpose endet die Adaption für vier Akteure. Geisterchöre, Osterspaziergang, Auerbachs Keller, Hexenküche oder Walpurgisnacht sind zugunsten der Liebesgeschichte gestrichen. Friedhelm Ptok als Faust mit lohendem Weißhaar fährt die Ernte eines langen Schauspielerlebens ein: präzis und schlackenfrei artikulierend, mit dem Mut zum Innehalten. Als Gretchen kann, viel jünger, Jessica Tietsche zunehmend neben ihm bestehen, als Mephisto ist ihm Alexander Klages ein wendig windiger Widerpart von Format. Eckart Schönbeck in mehreren Rollen glänzt besonders als Bein lüpfende Marthe.